Der Artikel in alter deutscher Rechtschreibung 1989/1990
STUDIENTEXTE ZUR SPRACHKOMMUNIKATION
Heft 7
Herausgegeben von der Technischen Universität Dresden
Sektion Informationstechnik – Bereich Akustik und Meßtechnik
April 1990
Formale Musiktheorie und Kompositionscomputer
R. NOWOTNY, Berlin
Vortrag zur 10. Klausurtagung „Sprachkommunikation“, Quedlinburg 1989
Das Problem, Maschinen zu entwickeln, die menschliche Denkleistungen übernehmen, galt seit Jahrhunderten als Herausforderung an Schöpfertum und Erfinderkraft. Die Maschinenpioniere auf diesem Gebiet waren sicher die Rechenmaschinen, bis in diesem Jahrhundert eine Revolution ausbrach. Die künstliche Intelligenz ist zum Gesprächsthema Nummer eins geworden.
Auch für die Konstruktion einer musikkomponierenden Maschine gibt es Ansätze. Entgegen bisherigen, wird hier die Methode angegangen, der empirisch zusammengestellten, „klassischen“ Lehre von Tonsatz und Komposition ein logisch geschlossenes Arbeitsmittel zu schaffen, welches erstens der inneren Struktur der (musikalischen) Grundgebilde gerecht wird und zweitens den Erfahrungsschatz einer ausgereiften musikalischen Ästhetik zur Verfügung stellen könnte.
Zur formalen Modellierung der Kontrapunktik und Harmonik dient eine mathematische Theorie, mit der erst ein „sinnvolles“ Übertragen der Technik des kompositorischen Schaffens bzw. des analytischen Verständnisses von musikalischen Meisterleistungen auf künstliche Intelligenz möglich ist. Die Theorie geht von einer diskreten Menge M aus. Desweiteren sei ein 𝄽 ∈ M gegeben.
Die folgenden Theoreme 1–4 sind fundamentale Aussagen einer 1988 vorgestellten Arbeit „Die Geometrie einer diskreten Menge – Die Theorie der Musik“. Es schließt sich ein Hauptsatz der Kontrapunktik und Harmonik an, dessen Formulierung zwei Teile umfaßt, die hier beweislos angegeben werden.
ℝ bezeichne den geordneten Körper der reellen Zahlen und „ד das kartesische Produkt.
Definition 1:
Eine Abbildung f : I → M* (M* := M ∪ {𝄽}) heißt Melodie, wenn sie folgende Bedingungen erfüllt:
(i) Das Urbild von f besitzt ein Minimum.
(ii) Für jedes x ∈ I ⊂ ℝ gibt es ein ε > 0, so daß f(x) = f(x+ε).
Theorem 1:
Es gibt eine surjektive Abbildung der Menge
auf die Menge aller Melodien.
Definition 2:
Ein n-Tupel t ∈ Mn heißt Tonart der Länge n. Eine Melodie f heißt in einer Tonart t = (c1, ... , cn) mit ci ∈ M (i = 1, ... n) geschrieben, wenn das Bild von f Teilmenge von {c1, ... , cn, 𝄽} ist.
Theorem 2:
Sei Zn+1 eine zyklische Gruppe der Ordnung n+1, so gibt es eine surjektive Abbildung der Menge
auf die Menge aller in einer Tonarten der Länge n geschriebenen Melodien.
(Acc, ⨁) sei die freie Halbgruppe mit dem Erzeugendensystem M*.
Die Elemente a ∈ Acc heißen Akkorde. Danach hat jeder Akkord die Form
Accn bezeichne die Untermenge der Akkorde mit genau n Summanden.
Weiterhin sei "⊗" ein direktes Produkt über der Menge aller Melodien gleichen Urbildes. Ein direktes Produkt von n Melodien auf einem gemeinsamen Intervall I heißt n-stimmige Polyphonie.
Theorem 3:
Die Menge aller n-stimmigen Polyphonien über I ist isomorph zur Menge der Abbildungen g : I → Accn, die den Bedingungen aus Def. 1 genügen. Danach hat I ein Minimum, und für jedes x ∈ I gibt es ein ε > 0, so daß g(x) = g(x + ε).
Eine Abbildung g : I → Accn heißt die zu kanonische Abbildung, wenn und fi(x) = ci (i =1,...,n).
Theorem 4:
Sei A ⊆ Accn, so gibt es eine surjektive Abbildung von
auf die Menge aller n-stimmigen Polyphonien, deren kanonische Abbildung nur Bilder haben, die Teilmenge von A sind.
Definition 3:
Eine Akkordmenge K heißt Kadenz einer Tonart t = (c1 ,..., cn), wenn die Menge der Summanden der Akkorde von K identisch {c1 ,..., cn} oder identisch {c1 ,..., cn, 𝄽} ist.
Sei ∑ eine Struktur in Acc. Erzeuge B ⊆ A nun die Unteralgebra (A, ∑) von (Acc, ∑).
B erzeugt A summandentreu, wenn die Akkorde von A höchstens die Summanden enthalten, die auch Summanden wenigstens eines Akkordes von B sind.
Hauptsatz der Kontrapunktik und Harmonik
Satz A:
Seien f1, ..., fn Melodien mit gemeinsamen Urbild. Sei A ⊆ Acc das bild der kanonischen Abbildung der n-stimmigen Polyphonie
und erzeuge K ⊆ Acc nun A summandtreu, so sind die Melodien f1, ..., fn in einer Tonart geschrieben, deren Kadenz gerade
K ist.
Satz B:
Sei MI,t die Menge aller in einer Tonart t geschriebenen Melodien über einem Intervall I, so wird für jede Kadenz K von t die Vereinigung der Bilder aller Polyphonien
summandentreu von K ∪ {𝄽} erzeugt.
Mit diesem Fundament ist nun ein Gerüst exakter Definitionen musikalischer Grundgebilde und kompositorischer Hilfsmittel zu beschreiben. Unter maßgeblicher Arbeit von Herrn A. Kortke wurde ein informatorisches Modell dieser Theorie und demnach eine Umsetzung formaler Musiktheorie auf einem Computer entwickelt.
Für die codierte Ein- bzw. Ausgabe der Melodie ist den Bedingungen aus Definition 1 in ihrer Realisierung gemäß Theorem 1 eine weitere, die Einschränkung auf rationale Notenwerte, hinzugefügt. Benutzt wird die gleichmäßig temperierte Tonmenge, so daß die enharmonische Verwechslung unberücksichtigt bleibt. Die Behandlung der Oktaven geschah außerhalb der mathematischen Konzeption. Die Funktionsbibliothek beinhaltet bis dato drei Hauptprogramme.
Bild 1Die Ergebnisleistung der einzelnen Hauptprogramme liegt in der Konstruktion einer Klasse von Melodien, die jeweils eine Verarbeitung einer musikalischen Ausgangssituation nach „klassischem“ Vorbild beinhaltet.
Bild 2Die Begriffe Motiv, Figuration, Fortschreitung usw., die auf der Grundlage der Theoreme 1 – 4 eine exakte Definition erhielten, sind die fundamentalen Gebilde, die von den einzelnen Unterfunktionen benutzt werden. Der Zufall ist dem formalisierten musiktheoretischen System untergeordnet.
Das Werk, als musikwissenschaftliche Kategorie, ist nun eine „strenge Kreation“ aus den gebildeten Teilergebnissen (Melodie_2).







