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Ein Jahr ging mir vorüber
Rainer Nowotny



Da Faustus also erkannte, dass ihm die Zeit zu knapp und der Raum zu eng, ging er zum Vollmond auf die Lichtung, zeichnete zwei magische Kreise, zitierte Beschwörungsformeln - er kam, der Diabolische. "Höre! Zwei mal zwölf Jahre stehen dir die teuflischen Mächte zu Diensten, dann aber wirst du deren Sklave, deren Fraß."
Faustus erbat sich drei Stunden, zu bedenken.

In der ersten Stunde ging er zum Troll, der da wohnte im Unterholz. "Werde ich mit teuflischen Mächten sehen können, was ich bisher nicht sehen konnte?"
Der Troll aber sprach: "Wenn du einmal in die lodernden Flammen geschaut in finsterer Nacht, so gibt es nimmer etwas Neues mehr zu sehen."

In der zweiten Stunde ging er zur Hexe, die da wohnte im Eichbaum. "Werde ich mit teuflischen Mächten erfahren können, was ich vorher nicht erfahren konnte?"
Die Hexe aber sprach: "Wenn du einmal die Wollust gespürt, so gibt es nimmer etwas Größeres zu erfahren."

In der dritten Stunde ging er zum Weisen, der da wohnte in der Einsiedelei. "Werde ich mit teuflischen Mächten wissen können, was ich vordem nicht wissen konnte?"
Der Weise schwieg.

Als die Zeit heran, ging Faustus zum Treffpunkt, schnitt sich in die Adern und unterschrieb den Vertrag.


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Schönheit, die der Wind um meinen Körper weht,
hältst nicht inne vor Gewöhnlichkeiten -
die Leidenschaft ist blind für alle grauen Seiten.

Schönheit, die so lockend vor mir steht,
bleibt im Dunkel nur ein stummes Wort von dir,
greift doch deine Wollust jetzt noch fest nach mir.

Schönheit, die sich über sich erhebt,
trügt sich selbst vom schönen eigen
Licht und gießt mir Säfte in den Reigen.

Genieße sinnig meine Gier,
die Liebe ist, wo ich sie hingestellt.

Genuss soll Seeligkeit in mir
sein - eh' die Schönheit wieder fällt.


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So war ich drauf und dran und wenig schlau,
mich frisch und frei neu zu verlieben,
doch konnte nimmer dieser laminare Tau
die treue Neugier nach der Unschuld überwiegen.
Die Reinheit wird oft in den Riten
als höchstes Gut der Weibeslust gezählt,
doch wenn sie Mangel an Gelegenheiten bieten,
dann ist die Unerfahrenheit, was das Warum verrät


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Als kalte Winde, Lügen um uns gingen,
als das Dach sich hob vom Sturm
und noch die Eiche brach,

als die Tränen erstarrten vom Frost
trotz deiner Glut,
warst du bei dir,
warst du zu mir.
Nun wusste ich, was Liebe ist.


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Nachdem du fort warst, blieb das Kissen neben mir noch lange unbefugt;
und stiller wurden alle Zimmer,
gelangweilt ruf ein Hoffnungsschimmer
aus der Schranktür, hinter der dein langer Mantel spukt.

Verschlossen hör ich deine Worte reden, du schnürst dir abermals die Schuh.
Ja deine Lippen, sie sind schön,
und wieder willst du geh'n.
In deinem Haar verirrt sich leise etwas, das flüstert dir die Fremde zu.

Die fremden Betten, die den Körper tragen, er sollt' doch meinen Körper fühlen,
zerbrechen mögen sie und krachen.
Ich werde lautstark lachen,
und weinen werde ich, wenn deine Glieder ein wieder fremdes Bett zerwühlen.

Doch warum spür ich solche Lust, wenn Vollmond ist?


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Nach der Vermischung

So der Kuss ins Stille geht,
kommen die Gedanken langsam wieder
und erneut beginnen die Augen zu fragen.
Grausam sind die Zweifel.
Was willst du von mir?
Und das gleiche gilt für mich.
Mich wissen - nein.
Mein Fühlen ergründen? - nein, aber erleben.
Meinen Körper erkennen? - nein, aber erfassen.
Mein Denken erfahren? - nein, aber mein Spiel.
Und das gleiche gilt für mich;
also spielen wir es.


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Du, schöne Frau in meiner Augen Licht,
Begehren lässst den Körper mir aufwallen.
Der Weg liebt alles Schöne, doch die Schönheit liebt ihn nicht.
Die Rose ruft den Falter, um selbst sich zu gefallen.

Wie kann mein Herz sich je von dieser Liebessucht befrei'n;
so kehr ich noch zur Nacht bei einer Hure ein.
Sie nennt mir einen Preis, den weiß ich zu bezahlen -
das Leben spürt ja nur die Augenblicke,
und einzig Kurzweil kennt nicht Schmerz und Qualen;
ach, was sich in uns eingenistet, bindet uns in Stricke.


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Zu einer Zeit, da es noch keine Dichter und keine Hörer gab, existierte weder Rose noch Tulpe noch sonst eine der bekannten Blüten. Es gab nur die eine Blume. Sie war schön, wie keine Schönheit seither wieder gesehen wurde.

Alle begehrten diese Blume, die Bäume, die Vögel, die Hummel, selbst das Gesträuch. Da die Blume voller Liebe und die Werbungen vielgestalt und innig, ließ sie alle zu sich und ließ sie ein.

Der Samen reifte in ihr, und da jeder Same sein Leben forderte, welkte die Blume. Ihr wurde gram und wehmütig. Als der Samen fiel und keimte, starb die Mutter Blume.

Es wuchsen Nelken, Narzissen, Rosensträucher, Kirschbäume und alle ihre Töchter, aber die Schönheit der Mutter Blume war verwelkt.
Nun suchen die Menschen zwar die Anemonen, die Schlehenblüten oder Wasserrosen, wähnen aber immer nur die eine Blume zu finden, die ungesehene, aber finden immer doch eine von vielen Töchtern.


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Aus deinem Munde "Du bist schön",
Also weißt du, ich werd' geh'n.

Aus deinem Munde "Ich bin schön",
Also weiß ich, du wirst geh'n.


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Auf ihrem Bett ein stilles Linnen,
auf ihrem Tisch ein frisches Brot.
Wir tranken Tee und Wein und waren
uns von Abendrot zu Abendrot.
Saß eine Taube auf dem Dach,
sah durch das Fenster zu uns hin,
erhellt von zwei, drei Kerzen
in ihrem kleinen Zimmer in Berlin.

Der Herbst ging und der Winter auch,
die Liebe war wie sie gekommen.
Was sich gesellt, ist nur ein Spiel,
bis dass man einen Berg erklommen.
Doch warum ließ ich sie allein?
Doch warum muss ich wieder zieh'n?
Zwei Fragen sind umsonst gestellt
in ihrem kleinen Zimmer in Berlin.


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Nur dass die saft'ge Frische lockend ruft
- nicht mich in grauen Stiefeln neben dir.
Nur dass der Frühlings Blütenduft,
der dich bezaubert, macht der Reize Gier.

Nur dass du tanzt mit diesem blonden Affen
- was sitz ich hier auf meinem Holzgestühl.
Es wird der Wind nicht neu geschaffen;
er ruht bisweil', wenn er nicht tanzen will.

Ein junger Recke, der auf einem weißen Pferd
- der Rausch der Jugend ist und spielt
mit jedem, der sich ihm nicht sperrt,
ein Nektar, der in Blindheit zielt.


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Der Abschied

Du, Frau, du -
Hab keine Eil für dein Erwachen.
November ist es draußen,
das Holz zu klamm, ein Feuer zu entfachen.

Der Nebel bildet Tropfen an den Zweigen,
die Vögel längst nach Süden übers Meer.
Nun weht der Wind auf unser Bett
das letzte Blatt vom Ahorn her.

Weich sieht dein Gesicht und ganz bei dir.
Solang du schläfst, werd ich nicht gehen;
werd diesen Frieden in dir nutzen,
dich bis zum Abschied anzusehen.

Die Wirklichkeit wird still und stiller
Im Traum fällt jede Sucht von Dir,
das Ich löst sich ins Sein,
die Schönheit aus dem Schlafe hin zu mir.


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Ich will dich vögeln, dass du sagen sollst:
"Ich brauch nur dich", so hätt' ich's gerne.
Dich packen, wie der Schreiner ein Stück gutes Holz.

Was soll dir dann noch Frühling, was der Lenz,
denn keine Wirklichkeit nach mir und keine Ferne
und keinen Albtraum ohne mein Geschwänz.

Doch weiß ich leider, dass, wenn du jetzt schreist,
es dir egal ist, wer da auf dir liegt.
Ich lass es los und lieb dich wie es mir beliebt;
immerhin dass du gerade jetzt doch meinen Namen weißt.


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Am Morgen, der wieder in die Straße kam,
er aufstand und sich seine Schuhe schnürte,
fragte sie ihn: "Gehst du wieder in die Welt?"
Er aber antwortete "Ich bin in der Welt."
Es waren Tränen in ihren Augen,
doch Freude war im Herz.
Ein Gehen, das den Abschied in das Dort verbannt.

Dieser Gruß an den Ahasver war viel.
War frei von Schmerz und Freude über einen letzten Blick.

Die Liebe ist in mir
und bleibt auf allen meinen Wegen doch die meine.
Doch ohne Holz und ohne Kohle kann kein Feuer brennen,
drum bedarf es deiner
um die Glut in mir, die ich bewahr, aufs neue
zur hellen Flamme zu entfachen.

Ein sorgsames sei es
um das, was nur das meine ist,
was aber ich dir zeige und dir zu deinem Zwecke überlasse,
wenn am nächsten Kreuzweg wir und wiedersehen.


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Die Nacht ist lang und spät das Jahr,
du sagst, nimm deinen Hut dort mit,
den Schlüssel lasse hier, leb wohl und fahr.
Da soll ich geh'n und halt schon nach dem zehnten Schritt.

Dass ich im Schnee vor deinem Fenster bange:
ist dort ein Mann? Ich will es nicht ertragen.
Der Mantel kann mich vor der Kälte nicht mehr schützen lange,
und Fragen quälen, die an meinem Herz mir nagen.


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Der Mandelzweig

Nahe einer Gegend lebte ein Mönch, den man den Bissenbeißer nannte, der viel bewundert wurde, ob seiner strengen Askese und vor allem dafür, dass bisher niemand und nichts ihn hatten aus seinem in Versenkung Verharren, aus seinem Gebet bringen können.
Keiner vermochte zu sagen, wann er noch nicht in der Einsiedelei seinem Schweigen nachging, also sagten alle, er sei schon immer da.

Es wuchs in dieser Gegend aber eine Schönheit heran, die es sich gefallen ließ, dass jeder um sie warb und buhlte. So lockten die süßen Winde der Bewunderung.
Eines Tages ging diese junge Frau zum Orte der Einsiedelei, um den Asketen zu beobachten, der sie gar nicht zu bemerken schien.
Sein Tageslauf war streng. Schon vor Sonnenaufgang setzte er sich zum Gebet unter einen großen Baum und verharrte dort bis Sonnenuntergang, brach dann ein einziges Stück Baumrinde, aß es, legte sich zur Nacht in eine kleine Hütte.
Vor dem nächsten Tag steckte sie süße Mandeln in die Rinde des Baumes und legte einen blühenden Mandelzweig auf die Stelle seiner asketischen Übungen.
Als er am Abend eine Mandel statt der Rinde aß, stutzend, Tage brauchend, bald aß er zwei, bald bemerkte er den blühenden Mandelzweig und sah auch dann die Schönheit der Jugend vor seinen Augen.
Doch Schönheit ist nun das Versprechen auf die Künste der Liebe. Es begann in dem Manne das Feuer der Begierde zu brennen.
Die Vermischung nahm sich ihre Zeit, die jetzt war. Sie zeugten einen Sohn, und von dem Ereignis der Schwangerschaft ergriffen, brachte er nicht einen Tag noch im Gebete zu.
Den Sohn, den sie gebar, nannte sie Mandelzweig. Bald überredete sie den liebesblinden Mann, mit dem Kind in die Stadt zu gehen. Dort aber empfing sie große Bewunderung, die sie genoss, dass solches ihr mit diesem Asketen gelang.
Der Mann erschrak, glaubte sich als ein Werkzeug zu erkennen einer sich selbst huldigenden Schönheit. Ohne zu wägen und ohne zu wählen ergriff ihn der Zorn, dass er in seiner Blindheit nach seinem Sohn griff. Das Kind jedoch entschwand, als sei es nie gewesen, statt dessen hielt der Mann einen blühenden Mandelzweig in den Händen, den er in den Fluss stieß. Der Fluss erflutete mit Getösen.
Verzweifelt über das eigen Getane ging der Mann weit.


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Ein Jahr ging mir vorüber.
Und als das Jahr so ging,
da sagte sie ade mein Lieber,
die Zeit ist mir für einen Neubeginn.
Schon stand der nächste in der Tür,
Für dich mein Lieber ist nun Schluss.
Da nahm ich meinen Mantel, ja wofür -
So gib mir einen letzten Kuss.
Doch als ich ihren Hintern griff im Korridor,
da glühten meine Sinne wie zuvor.

Die Straße hat mich wieder,
leb wohl du schönes Kind,
der Galgenvogel zählt die Glieder,
ob alle noch beisammen sind.
Doch geb' ich zu, in stillen Stunden,
dass ihre satten Schenkel köstlich,
die so gegriffen in die runden,
vermissen werde ganz entsetzlich.
Und erst ihr Hintern, mir empor,
der entzückt mich nach wie vor.

Denn Mädchen, die du bei mir liegst,
in mir bleibt etwas, wenn du fliehst.
Hat erst dein Hintern meinen Schwor,
so dürstet er mich nach wie vor.