Auszug der Burgunder




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Die Burgunder kamen 406 unter Gundahar nach Worms, an die Grenze des Römerreiches, mit dem sie einen Vertrag über Grenzgermanien schlossen. Diesen brechen sie und plündern in der Provinz Belgium.
Als Attila (Etzel) sich an die Spitze der Hunnen bringt, entwickelt sich eine undurchsichtige Diplomatie mit dem römischen Befehlshaber Aetius.
435 oder 437 (?) rücken die Burgunder gegen die Hunnen in eine verheerende Schlacht, aus der kein burgundischer Krieger lebend heimkehrt. Die zurückgebliebenen Restburgunder werden umgesiedelt.
Attila wird 451 von Aetius geschlagen. Drei Jahre später stirbt er in der Hochzeitsnacht mit einer germanischen Fürstentochter, das Hunnenreich zerfällt. Noch gut 20 Jahre, dann endet auch das Römerreich. Die Sagen um Kriemhild, Hagen und Gunther entstehen. Die Sage vom treuen Feldherren Hagen von Tronje geht in den Roland - Mythos ein. Im Nibelungenlied wird er Sigfrieds Mörder.



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Gleichen sich doch seit vielen tausend Jahren
alle Geschichten, von denen wir hören,
auf jene, die wir heute noch erleben?
Noch strahlt der Burgunder Ruf durch Germanum.
Stolze Burgen am Rhein, Zeichen des Reichtums.
Wissen sie nicht, wie es immer enden muss?
Ist den Menschen das Ende so fern und fremd?
Bald wird die Herrschaft von Söhnen der Ute
unwiederbringlich erlöschen, vergessen,
burgundisches Volk geschlagen, zerrissen.
Endlich eine Zuflucht auf fremde Erde
- fern vom Rhein - wird folgen der Niederlage.

Im friedvollen Morgen liegt die Hofstadt, doch
auf der Vorburg ist seit Stunden ein Melden.
Utes Sohn, Gunther, der König, ließ rufen.
Ritter und Vasallen kommen aus allen
Teilen des Reiches begleitet von Söhnen,
schwer ihre Brünnen, gewaltig die Lanzen.

Wieder erschallen vom Turm die Fanfaren
fern ein pachtvolles Gefolge zu melden:
Der König von Worms schickte Boten ins Reich,
denn ein Traumdeuter hatte großartiges
verkündet, was starker Hilfe bedürfte.

Viele Landser feiern ihr Wiedersehen:
"Du auch hier Kamerad? Denn es gibt für uns
wieder einen Zug, so hörte man reden,
in fremde Gegenden, die voll Goldes sind,
das wir uns ohne warten holen sollten,
bevor wilden Horden dieses sich nehmen.
Und wenn es ans Hauen geht, steh ich bereit.
Der Frühling lockt uns aus den dunklen Wäldern.
Nur in der Abwechslung liegt die Gesundung.
He Kamerad, ist der von Tronje schon da?
Diesen Mann in der Truppe wird jeder stark.
Der Handelnde ist gut für die Geschichte."
Man erzählt die Mär von Hagens letztem Zug.

Der Empfangsraum ist beheizt und erleuchtet.
Strahlt der Thron mit Würde den Gefürchteten,
den Starken, weniger den Verbündeten.
Den Gruß öffnet Gunther: "Heil meinen Gästen!
Reichtum und Wohlstand euren Völkern daheim.
Dank eigner Kraft, der Friede findet sich dann."
Das sehen zwei Männer auf zweierlei Art!
Versammelter Hofstaat zur Zeremonie.
"Streckt eure Arme ihr Brüder, Vasallen,
Ritter und Gefolgsleute dieses Reiches!"
"Heil Gunther und Heil dem Herrscher des Landes."
Zum Auftritt, wer ist groß und wer ist größer,
bleibt der Mächtigkeit das Spalier vonnöten.
Aus der Reihe treuer Mannen und Kämpfer
grüßt einer aus Furcht, ein andrer aus Anstand.
Tritt Gunther zur Reihe, die Hand zu reichen:

"Zuerst die Königsbrüder: Ich sehe euch
in den Jahren, der Jugend schon entwachsen,
des Greisen Weisheit lange noch entbehren,
diese Jahre, sie kennen nur viel Arbeit,
keine Freude! Schaffensjahre heißen sie!
Von Ruhmestaten sprechen Gernots Augen,
von der Weltenwende deine, Giselher.
Dir Ritter, hier ist mein Gruß und meine Hand,
auch dir Gefolgsmann, mein Handschlag gilt Volker.
Die Interessen des Reiches zu sichern,
brauchen wir Raum und geben Freiheit dafür
und unseren Geist der Welt. Wie ihr es wisst.
Wir erwarten Gesandte der Magyaren
Zu dir Hagen: Auf ein Wort, meinest du im Ernst,
die Wilden bünden sich mit der Macht in Rom?"

So entwickelt sich planvoll die Begrüßung,
neuen Thing zu halten für einen Feldzug,
geplant von zwei Seiten, ja, auch vom Gegner.
Der Form genüge sind die Fürsten gezählt
zunächst vom König, müssen die Hohen nun
noch huldigen der höchsten Frau im Staate.


Vers 1.2

Hinter den Türen ihres Frauenturmes
abseits der Waffenträger ratschlagt Ute
- die Autorität - mit Ihren Vertrauten.
Wie im Bienenstock mit einem ersten Weib,
das nicht regiert, und doch hat sie das Sagen:
"Urda und die Schwestern mühen und schweigen,
sie wissen den Ausgang und sagen ihn nicht,
sie nennen uns weder Namen noch Zahlen,
wachen und spinnen das Werg in das Schicksal,
entsagen der Gier." So also spricht Ute:

"Wie schön steht dem Manne ein fester Wille.
Die geheime Bewunderung dem Feinde
sie reift im Weib, im Eheweib, in jedem.
Darum fürchten sich die eigenen Krieger.
Ein Ritter muss uns außerordentlich sein,
sonst gedenkt die Herrin seines Todes nicht.
Bis zur Stunde des Abschieds von der Sonne,
von des Mondes Kälte hoffe ich mir Kraft
und Standhaftigkeit noch bewahrt zu haben,
gegen laue Liebschaften und Geschäfte.
Was fürchtet sich der Mensch vor der Einsamkeit
des Alters? Entwickelt sich ein Kind zum Glück,
wenn es bewahrt wird vor Konflikten und Streit?
Die grausamste Waffe des nackten Menschen
ist seine Zunge. Ein Schloss legt vor eure!
Ein zweites Schloss vor euer Herz, ein drittes
vor das, was ihr plant! So sei es euch gelehrt!"

"Das Schutzbedürfnis gegen die Zersetzung
von Innen, das was unsere Scholle ist:
Gleich werden rohe Männerfäuste pochen,
in schweren Schritten eine Ordnung halten.
Fragen an Hagen bleiben ohne Antwort.
Taten, Schlachten, Arbeit sind ihm nicht wie Brot,
sie sind ihm nur wie ein billiger Fusel."

"Tretet ein in Frieden! Denn noch ist Friede!
Doch schnell ist der Reichtum wieder verloren.
Viel schwerer ist es, den Frieden zu halten.
Wir nennen die Kriege wieder in Zahlen,
noch sind es kleine, doch brennen die Hütten
unsere Dörfer bald und auch die Burgen.
Größer und größer werden die Gemetzel,
bis ein Weltenbrand entfacht, uns vernichtet."

"Ihr erwartet heute Boten des Etzel.
Ist es ein Abschied derer, die ausrücken?
Wer euch den Feind wegnimmt, lässt euch nackt zurück.
Die Wirklichkeit kann nachher durch Märchen und
Heldengeschichten nicht erneuert werden.
Die grimmen Fragen erdrücken, doch denket:
Interessen sind nur gedämpfte Triebe."

"Gunther, Hartnäckigkeit ist erstes Talent.
Die Geschichte unseres Volkes bleibet
immer auch die Geschichte mit den Nachbarn!
Jeder Schlagabtausch mit deinem Nachbarn dient
stets der Heilung von Verklemmungen, aber
er bringt niemals den Erfolg einer Heilung.
Der Verlierer wird gemieden. Hüte dich!
Unbarmherzig wird des Freundes Schutz, wenn er
in dir den Verlierer sieht. Doch hüte dich
noch mehr, das Verlieren meiden zu suchen!
Was das Beste wäre, brauchst du nicht fragen,
das Geschehen hat einen eigenen Plan.
Nur Kreaturen mit einfältigem Sinn
urteilen schnell über Gutes und Böses.
Wird der Streit nicht gleich mit der Faust entschieden,
trägt das Zögern gnadenlos ihn zur Fehde.
Und Rache beschwört immer wieder Rache.
Der Entschluss ist nur der Anfang, Steigerung,
das was folgt, ist Leidenschaft und Verhängnis,
Feuer versengt sie! Und verascht auch das Land."

"Hagen von Tronje, Du bist Deutscher wie wir!
Auf der Anklagebank von Kriegsverbrechn
finden sich immer allein die Verlierer,
der Schuldige wird sich immer verstecken.
Nur der Sieger bestimmt über die Wahrheit.
Wir können den Lauf nicht wenden, es kommt doch
unweigerlich, was uns vorgesehen ist.
Und nun geht, ihr Männer burgundischen Bluts!"


Vers 1.3

In der Burganlage inmitten Treiben
stoßen Gerüchte auf Spekulationen.
Gunther ist König, Gieselher nur Bruder.
"Hier bleib ich immer nur zweiter und dritter.
Und die Hunnen sollen ja unglaubliche,
feurige Weibsbilder sich heranziehen.
Auch ist im reichen Buda ein Stadthalter
mächtiger als ein König im armen Worms.
Die Schwester erhielt vor Jahren sich Anspruch
auf die Donau zwischen Passau und Buda.
Wir haben damit Recht und Interesse."

Ritter, die jung sind, wollen Abenteuer;
Heldengeschichten, Ruhm und Nachruhm schaffen.
Wozu so unbedeutend weiterleben?
Gleich ob wir Weise oder Narren greifen,
ihrem Rat zu folgen, bleibt der Weg egal.
Nichts führt in die Gewissheit froher Zeiten,
und nichts in die Ahnung, ob ein heißes Pech
nach wenigen Schritten die Füße verbrüht.
Spricht also Gernot zu Giselher: "Bruder!
Wie lieblich klingt mir des Schmiedes Hammerschlag,
im schönen Takt unser Rüstzeug zu härten.
Vertraue ich doch, was ich fest mit meinen
Händen fassen kriege - die Kraft zu wagen.
Soll unser Mut, unser Schlag in die Märchen,
in die Gespinste der Ammen eingehen!
Dass der Name bleibt in Träumen der Kinder.
Das Abgründige ist unser Vergehen,
die Verzweiflung, dass wir nie wieder kommen."

"Fürst Etzel ist jung und jetzt der Heerführer
aller Hunnen ihrer Plünderergeschichte.
Kraft wird stets durch lange Herrschaft umgebracht.
Herrmann schlug damals die Truppen des Kaisers,
da waren wir Deutsche als Wilde benannt.
Heute lechzen wir nach den wilden Horden.
Doch Etzel kann nicht durch unser Schwert fallen.
Was wäre von den Sternen zu erraten?
Das Ende unserer Tatenlosigkeit
heißt Selbstmord oder Prügelei und mündet
in die Erhaltung des Kriegsmechanismus.
Heißt dann Durchhalten in den Beutezügen!
Haben wir in den Provinzen gewütet,
traf uns der Zorn des fetten Roms; und mussten
oft gegen Sachsen und Dänen uns wehren,
Blut und Kraft sind auf dem Schlachtfeld geblieben.
Welche Nachhut kämpft jetzt noch gegen Etzel?
Die Einheitsfront gegen den äußeren Feind,
auch über die Opfergabe des Tötens."

"Denken wir klar, so hilft es nicht uns, noch Worms.
Das Bequeme ist das Schlechte und bleibt es.
Lohnt es des Sterbens nicht einen müden Deut,
auf morgen eine Sicherheit zu planen,
konstruiert Krepieren und Versagen nur.
Nicht darf es, dass mein Sein in Vergangenheit
begraben wird - in des Vergessens Grube.
Greifen nach der ganzen Welt, nichts weniger!
Ein Nachruhm wäre der einzige Tröster."


Vers1.4

Was bewegt die Burgunder, wieder vom Krieg
zu träumen, zu schwärmen, Waffen zu schmieden?
Gibt es nicht Sorgen genug in den Ländern?
Duldet euer Nachbar so viel besseres,
dass ihr seine Äcker, Wälder und Dörfer
verbrennen, seine Städte verwüsten wollt?
Beherbergt der fremde Boden so reiche
Vorkommen, die dem Handel verwehrt blieben?
Dass sie voll Neid nach Gold und Erz und Kohle,
nach Öl und wer weiß was die Hand ausstrecken.
Ein Volk ohne Quellen, ein Volk ohne Raum?
Was wollen sie fern in kalten Wäldern, was
in armen Steppen? Fremdes, Unbekanntes?

Versammelt sind alle Fürsten des Reiches
"Unser sind die Taten, unser wird der Sieg.
Sprechen wird die Welt noch in Jahrhunderten,
was hier seinen Anfang nimmt." So spricht Gunther.
"Müssen wir stolz sein, Deutsche uns zu heißen!
Gibt uns bereits die Vaterschaft des Landes,
gibt allein schon die mütterliche Sprache
das Recht, Kopf und Scheitel aufrecht zu tragen!
Sollten wir etwa uns für vergangene
Niederlagen der Väter und Großväter
verstecken voller dunkler Demütigkeit?
Weil Gepiden in ukrainischer Weite
im belagerten Kessel zur Winterschlacht
die hungernden Heere erfrieren ließen?"

Der Bote wird gemeldet, im Turmsaal erwartet.
Knefröd, der Überbringer, neigt sich Gunther.
"Lieber Herr, dass Ihr fragt, was ich begehre
als neuer Gast, zeigt mir eure hohe Form
der fremden Freundschaft. Bin ich hier in Eurem.
Ich trinke frei das Wasser eurer Quellen,
euer Brot muss ich loben, um zu danken.
Der Fürst der Magyaren, als die Ostmark er
von den Bayern sich nahm, dachte er weiter.
Den Auftrag zu bestellen, sandte er mich
durch manchen schwarzen Wald euch zu empfangen.
In die Hauptstadt des hunnischen Besitzes
als Gäste einzukehren! Teil seiner Macht.
Bietet er seine Hand zum festlichen Gruß -
neben ihm werdet ihr stehen, bejubelt
zwei große Fürsten von Kriegern und Helden.
Ihr mögt die besten Schilde, goldne Helme
und hunnische Schwerter nach Hause tragen.
Er gibt Euch den Schwarzwald und walten könnt Ihr
weiter über den Rhein. Das war, was ich Euch
mitzuteilen an Nachricht im Auftrag kam."

Haben die Burgunder also verstanden,
zu begleiten seinen Raubzug nach Gallien
oder das Ultimatum zur Abgabe
der Waffen und Unterwerfung ohne Krieg,
verpackt in Worte um Friede und Freundschaft.
Zwei Reiter begleiten ihn, denn es brauchen
Boten immer Beschützer, sie ängstigen
sich der Mitteilung, die sie übergeben;
werden damit zum Gegenstand des Zornes
dem Empfänger in Unverständlichkeit verpackt.

Schweigen legt sich auf den Raum.
"In ferner Stadt sonnt sich ein Imperator,
wenn Burgunderblut gegen das der Hunnen
die Kartelle reicher macht und die Stämme
der Unterjochung noch geringfügiger.
Etwas anderes ist aus dem Gemetzel
nicht zu gewinnen; selbst wenn ihr Sieger seid,
wird ihn das Syndikat nicht dulden, also
wider Burgund Regimenter entsenden.
Doch die Krieger rechnen immer auf Siegen!
Ein großes Schauspiel, ein großes Erfüllen:
Ohne Angst dem Tod ins Gesicht zu schauen."


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Vers 2.1.

Laut heraus! Ob singen oder brüllen
leichtert Vertrautes das Grölen der Heimat?
Oder krampft sich die verhasste Wortgewalt?
Tronjes Haus mit sauberen Putz verstellen?
Rohen Stein müssen Rätsellöser schmecken,
der einer Disharmonie Zuflucht gewährt.

Werden unsere Kinder am aller ehesten
Traurigkeit von uns übernehmen lernen.
Der Runenleser irrt einsam im Hochmoor,
über verfaulte, umgestürzte Bäume
bis zu Resten einer alten Hofstelle:
Fundamente aus verlassenen Steinen:
Modern und Vergessen - Ziel allen Strebens!
So wispert es aus den Schwaden zu Hagen.
Wurde vom Vater auf den Sohn gegeben,
dass die ruhmreichen Sieger am Ende nur
auf dornigem Gestrüpp, dem Schafott, lagen
der Leib von roten Flammen, wie frisches Blut,
gleißend durchflutet, dröhnend vom Schreien derer,
die vorher hier in das Fallen glitten.

Streift Hagen durch die Nacht in wilden Wäldern.
Der Nebel nimmt behutsam die Schatten auf,
das Alter ließ die Weidenbäume brechen.
Steigt aus feuchten Wiesen eine graue Wand,
Erlenäste greifen lautlos in den Dunst.
Hagen in den Auwald raunend: Ach wüste,
ach riet ihm doch jemand, was er suche.
Bald schon glaubt er Nachtvögeln eine Richtung.
Ruft Urda und Vertanda und Skulda an,
dass sie ihm das Schicksal verkünden mögen;
"Ein Auge gebe ich euch!" Doch verborgen
und stumm bleiben die Brunnenwächterinnen.

Deutet seinen Traum nicht, findet kein Zeichen!
Was dröhnt aus den Irrlichtern des Morastes:
"Zum Sterben noch nicht lebensmüde genug.
Ach gehe nur immer und suche weiter!
Das Los ist schon in den Faden gesponnen."
Zum Rhein, der die Meander spült, hin zum Floß,
versteckt, das schon oft die Ufer wechselte,
zerschneidet das Werg, das die Bohlen bindet.
"Diesem Kahn hier entrinnt noch kein Tropfen Blut."
Planken treiben abwärts, diese Welle bleibt
ungetrübt und spielt mit den losen Teilen.
"An der Donau wird der Kahn gesucht werden.
Ein anderes Wasser muss rot sich färben.


Vers 2.2.

Antworten stehen allein ohne Fragen.
"Meine Zeit ist knapp, denn mit reifen Jahren
tritt das Wesen hervor - nicht mehr gemildert
durch unschuldige Schläfereien der Jugend.
Im Vorbeistreichen blicke ich ins Gefließ:
Wassertropfen: einst regnetet, jetzt fließt ihr."

Am Weiher dort, zwei Schwanenweiber baden,
von denen bekannt, sie sind Weissagende.
"Sigelint, was bist du, entkleidet, so scheu?"
Hageburg kommt aus einem Nebel hinzu;
es scheint wie eine dritte Schwanenjungfrau,
nur als Schatten, dass der Mann ohne Richtung,
doch stielt er der ersten die Kleider behänd.
"Sagt mir die Wahrheit, sonst nehme ich sie mit!"
Nun müssen sie Hagen zur Antwort stehen,
versuchen sich aber im Lügen geschickt:
"Du Held wirst jeden Stoß zum Treffer machen,
kein Gegner entkommt deinem sicheren Hieb;
nun gib unsere Verkleider zurück!"
Freiwilligkeit macht die Zunge geschwätzig,
Also spricht Sigelint als sie bekleidet:
"Dass ohne Verlust kein weiser werden ist.
Der Wunsch nach Reinheit, der Versuch, die Unschuld
zurückgewinnen. Dem, der das Ende sucht,
bleibt die Gier nach verlorenen Anfängen:
Jeder der eine Waffe trägt, erreicht zwar
den Hunnenhof, doch zurück gelangt nur der,
der unbewaffnet ausziehen wird - allein.
Geronnenes Blut, der Geruch von Leichen!
Keiner sieht von denen den Rhein noch einmal.
Nur der Priester, der den neuen Gott verehrt,
erreicht den Rhein, nur froh wird er darum nicht."
"Ich werde ihn in der Donau ersäufen."

Hageburg spricht also: "Du schlugst dein Schwert schon
gegen Walters Hand, die seit Kindertagen
du treu gehalten. Doch eine fremde Pflicht
und des Lehnherren Gier, die durch Hagens Streich
verkrüppelt ist, doch er söhnte sich mit dir,
war dein Gleichnis, war Bruder, einziger Freund.
Sigelint spricht also: "Vor dem Opferstein
müssen drei Dinge geschehen, eh der Tod
mit seiner Verwesung nach dem Fleisch verlangt:
Der Atem muss das Opertier verlassen
wie auch jeden Krieger, der geopfert wird!
Die Lebenskraft muss dem Körper entweichen,
das Blut muss seinem Aderfluss entrinnen!
Fließen in die Erde, auf die neue Saat,
sterben und gedeihen: Folge den Runen!
Nicht deinen Gegner musst du bezwingen, nein!
Deine eigene Angst musst du besiegen!
Sieger für den Ruhm, das Gold, für Wachsamkeit,
das grenzenlose Abenteuer Leben.
Wenn der Tod nicht Feind ist, kommt dir die Freiheit.
Fürchtest du dich noch vor tödlichen Schlägen?
Die Lanze kommt geflogen, trümmert den Schild."


Vers 2.3.

So verlässt Hagen die sehenden Frauen,
geht unbekannt weiter nur wie im Gleichnis:
Die Zugvögel müssen den immer gleichen
Luftweg ohne Fragen weitervererben.
Nie sucht die junge Brut nach neuer Richtung.
Mit Vorsehung ordnet sich der Schwarm von selbst,
dass sich wie von einer weisen Hand geführt
die wunderbare Formation gestaltet.
"Ihr Zeichen am Wege", spricht also Hagen,
sehe in euch ewige Vernichtung nur.
Im dunklen Wald meiner Zuflucht zu stöbern:
Antlitz des Feindes? Finden wir sein Gesicht?
Oder sehen nur seine blöde Maske?
Doch die Fabel täuscht allein, den sie ergötzt,
denn jedes Problem ist mit jedem verknüpft.
Wie nichtig ist unser winziges Menschsein,
eine Schale voll Asche nur bleibt übrig,
drei Spaten tief in die Erde zu bringen.
Umsonst, selbst wenn wir siegen, überflüssig
dass wir mit Blut unsre Rüstungen ölen.
Und wir stehen elend immer als Verlierer,
gegenüber der unabwendbare Tod.
Der Marschierer neben mir fällt und verreckt,
Ruhm und Ehre, für die er kämpft und krepiert
ist seinen Kindern eine Lächerlichkeit.
Wozu also seine Tatkraft und Treue?"

"Verwitterte Runen, alte Widrigkeit
macht sie unschätzbar, denn so ist und bleibt es:
Echtheit entfernt sich brutal von Perfektion.
Des Lebens müde, schwer die Brust, wird klarer,
wie nah und doch wie weit der Tag, zu kommen,
richtet alles Schaffen, Handeln und Streiten,
hinzutragen: begann es einst unbekümmert
und schreckensfrei mit der Frage: ist Etwas?
Ist gar etwas Drüber? Denn wäre welches,
so wär es überall, der Weg ins Weite,
die Stiege in den Himmel. Steht mir klaffend
der gähnende Schlund in die milde Trübsal.
Die Dunkelheit kommt täglich etwas früher,
und schwerfälliger die Frage nach dem Zweck,
hofft auf Tröstung noch in des Blutes warmem
Rinnsal eines schwächlich Hingeschlachteten.
Allein umsonst. Schimmer, mich zu ermannen,
mein Müdesein in Wachen zu verwandeln.
Wo bleibt Lust, zu unterwerfen meine Kraft?"


Vers 2.4

Zurück über Ödland und durch den Hochwald
Verirrt sich Hagen, trifft auf eine Lichtung,
findet dort, wie vom Himmel gesandt, wartend
ein Bauernmädchen mit listigen Augen.
Zu ihr sich gesellend spricht also Hagen:
"Schon bald wird veröden unser Landstrich,
dass die Bräute selbst auf die Suche gehen."

Doch wie von unsichtbarer Quelle bestrahlt
erzählt das Mädchen ihm eine Geschichte:.
Es zogen einst Recken, jung und schlank und groß
in den Krieg, alle kamen sie beim Ausmarsch
an einer armen Hütte vorbei, vor der
saß ein Mädchen und wartete auf Brautschaft
und bekam von allen vorbeiziehenden
Gruß und Versprechen. Doch keiner von ihnen
überlebte dieses grausame Schlachten.
Die verlorene Braut ging auf das Schlachtfeld,
alle Krieger zu bestatten und ging fort
in ein fremdes Reich, in dem die Königin
niederkam, so dass sie Hebamme wurde.
Bevor die Königstochter mit ihrem Schrei
der Welt sich meldete, ward sie beschworen
von der Unglücklichen, zu rächen jeden
der einst Liebe, Glück und Treue ihr versprach.
Elendste unter allen Betrogenen,
Tochter, die jenem Fluch arglos beiwohnte.
Sechzehn Jahren vergingen, dann erlöste
sich die Prophezeiung in einem Brautbett."

"Mädchen, was faselst du? Bist zu von Sinnen?
Oder anderenfalls erkläre dich. Nein!
Erkläre nichts, mich deucht der tiefere Sinn.
Gezeugtes Leben ist nicht mehr zu wandeln.
Hingegen der Brautpreis steigt bei weißer Haut,
Quecksilber für den betrügerischen Schaum,
mit dem die hunnischen Mädchen sich so weiß
wie die burgundischen zu bleichen wissen."

"Unbekannt bleibt dir, wie dich der Tod ereilt,
so wie du dich niemals an deine Geburt
erinnern wirst können." So spricht die Fremde.


Vers 2.5.

Das Mädchen entschwindet wie sie erschienen,
Verflogen die Freude, die sie gespendet.
Auf einer alten Heeresstrasse stehend,
erblickt in der Ferne die Mauern von Worms.

"Verlangen oder Geilheit werden nichtig,
Minuten nur noch gibt man seinen Trieben,
volle Stunden zu sparen, denn weniges
bleibt an Zeit noch übrig! - Siehe ein Gleichnis:
Das Rot der Sonne kriecht hinter Baumkronen.
Kraftvoll stieg sie morgens empor und keiner
rechnete in Stunden ihr Sinken sich aus.
Jetzt eilen alle, die Hausung zu schaffen.
Ich will nicht behaupten, dass die Einsamkeit
nur unerträglich mein Sein zermürben will.
Dass nicht - doch ist und bleibt sie eine Strafe.
Allgegenwärtig, so wie dieses Rauschen
fortwährend uns begleitet, selbst noch hinter
den Gestirnen: Lauschen, achten, vernehmen,
wie der Welten endlose Fortbewegung
in ein tiefes Brummen, sich Gehör verschafft.
Große Liebe des Lebens verlangt Unschuld;
nur aus ihr kann jene Neigung erwachsen,
das Herz in siedende Tränen zu tränken. "


Vers 2.6.

Hagen gelangt endlich an das Tor zu Worms,
Wasser aus einem alten Brunnen ziehend
spricht also Hagen: "Hier ist die Quelle klar.
Den Dürstenden labt sie, den Müden wäscht sie.
Vieles vermag die Quelle, doch alles nicht:
Ein kleines Feuer wirst du damit löschen,
einen großen Brand musst du lodern lassen,
bis die Flammen an der Asche verhungern."

Der Wächter empfängt Hagen mit den Worten:
"Durch dieses Tor gingen wir und kamen wir
schon viele Male im Heer unter Waffen
hinaus mit Mut und dem Willen zu siegen.
Hinein geschlagen oder mit viel Beute.
Zurück kamen wir in geringerer Zahl.
Als Sieger, ehrten wir die Gefallenen,
waren wir Flüchtende, mussten Burgunder
auf dem Schlachtfeld ohne Abschied verfaulen.
Aber als wir vor Jahren an der Mosel
plünderten, prassten und Treve abbrannten,
war mir, da durch dies Tor wir zurück, sehr bang,
dass nie wieder von einem großen Raubzug
wir so fett gefressen heimkehren würden."
Mein Mahnen schlug man aus, die Torwart blieb mir.
Aber dass man den letzten Weg allein geht
und keinen Gefährten zur Seite bekommt,
dann warten muss auf die Verwesung, das schmerzt.
Gleicht es mir doch meinem einsamen Leben.


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Vers 3.1

Der Morgen vor dem großen Marsch ist heran.
Die Jahreszeit ist günstig; sie treffen sich
zum letzten Gelage vor dem Waffengang.
Das große Werk des Brotbackens - erste Kunst.
Getreide zu malen, das Mehl zu säuern,
den Teig zu kneten, den Ofen zu feuern,
die Glut durch Leiber ersetzen und warten
auf den berauschenden Duft von frischem Brot.
Ausdruck von Einfachheit und Frieden und Glück.
Wie dürr klingt dagegen die Kriegsfanfare.

Über Feuerstellen in der Burgküche
qualmen riesige Kessel, aus denen dringt
ein verlockender Geruch in das Dämmern.
Innen erhellen Talglichter die Klötze,
an denen sich Frauen mit großen Messern
an Fleisch und Gemüse zu schaffen machen,
andere kneten und formen Brotleibe.
Auf dem Hof werden Backöfen befeuert.

Im Tumult nimmt Giselher seinen Bruder:
"Endlich können wir uns nun nützlich machen.
Bin es satt, Hasen und Rehe zu jagen.
Gernot, fall in mein Schwärmen! Die Fremde ruft.
Dort warten unglaubliche Abenteuer.
Träume der Kindheit werden zur Wirklichkeit.
Dein Verlangen, die Welt zu bessern, mehr zu sein.
Freier Wunsch und Wille sei unser Gesetz.
Wir werden nicht erfahren, welche Schwäche
einer Kreatur Freude am Dienen bringt.
Doch wider unsrer eigenen Entrüstung
lieben wir die Buckler zum Lasten tragen.
Vor uns liegt das Weite, das Unbekannte."
So sprechen viel junge und reife Männer.


Vers 3.2

Waffen sind gehärtet und scharf geschliffen;
Hier und da werden Pferde noch beschlagen.
Das Schmiedefeuer bewacht die Feuerfrau:
"Komm näher Hagen! Mein Athanor lodert.
Höre wie das Volk brüllt, wider den Hunnen,
die uns Terror, Unrecht und Schrecken bringen,
wissen unsere jungen Recken denn nicht,
wie schnell die Reiter ihre Schwerter schwingen,
geschult auf ihrem unablässigen Weg
aus kalten Steppen bis vor die Tore Worms.
Schmerz hält ihnen Geist und Körper zusammen.

Mit seltsamem Hirschhorn schürt sie das Feuer:
"Neues gebiert die Finsternis, denn alles,
was im Licht entsteht, ist schon gewesen.
Suche darum besser im Verborgnen nach
Ungesehenem und Ungewesenem!
Sieh genauer in das Feuer! Erkenne!
Burgund wird nicht untergehen, es wird nur
bis zur Unkenntlichkeit zusammenschrumpfen.
Was wären zu tun? Es gibt keinen Ausweg!
Jedes Reich strebt entweder nach Auflösung,
oder es fällt in den harmonischen Schlaf,
wird dann überwältigt von den Ereignissen.
Wo du dann bleibst, dein Nutzen ohne Zukunft.
Ein Schritt auf dem Wege, weiser zu werden.
Weiser mit dem Ziel, friedlicher zu scheiden.
Schild gegen die Gierer, sich vereint mit der
Fähigkeit, die fremde Gier hindurch zu lassen,
hebt beides auf, verschmilzt Schwarzes mit Weißem,
kommt die Erlösung dir ein wenig näher.
Einer Streitmacht ergeht es wie einer Mutter,
sie muss zweimal schwanger werden: Das zweite
sich zu erfüllen, was sie das erste Mal
nicht erlaubte. Versäumen wird sie wieder,
lässt der Durst nicht nach, ein drittes, ein viertes.
So ist es gleiches mit dem Burgunderreich.
Wiederholt man eine Stärke, wird sie schwach!"

Spricht also die Alte: Was sühnet die Schmach?
Kein fremder Tod, kein fremdes Blut, nicht der Fluch,
der einem Schänder dein Verderben sendet -
klebt es als Befleckung an deinem Körper.
Die Güte ist die Verkrüpplung des Guten!
So stark, doch gebunden - so weise, doch blind.


Vers 3.3

Mittag auf den Wiesen vor der Burganlage;
Der hohe Sonnenstand leuchtet dem Werben.
Soldaten schlendern um Mädchen und Weiber.
Schönheit ist wie der Sommerwind, flirrend uns
Pollen in die Augen weht, blind macht und heiß,
und dann entschwindet, schnell, viel zu schnell vergeht.
Manch eine Romanze sich noch entfaltet;
Sein Weggang mahnt Eile ihrer Vermischung.
Alte Haudegen prahlen den Neulingen:
"Zieh in die Schlacht, bevor du grübelst und dann
der Melancholie doch zum Verlierer wirst,
im täglichen Abendwerden um deine
jämmerlichen Sorgen, bald krank daran siechst,
dass die eigenen Kinder in die gleiche
Nutzlosigkeit geraten. Dann wäre es
gleiches, vom Raubtier gerissen zu werden.
Hier am Rhein altern wir greiser und schwächer,
ohne dass eine Freude daran wäre."


Vers 3.4

Gunther lässt sich ankündigen zur Rede.
Festlichkeit bedarf der vielen Zuhörer.
"Burgunder, was wollen wir verteidigen?
Gar unsere Frauen? Unsere Kinder?
Quelle unseres Reichtums? Unseren Rhein?
Bringt uns und die Frauen in feuchte Hütten!
Brennt den Odenwald nieder! Wir dulden es!
Nur um eines will ich unsere Waffen
gegen den Feind tödlich richten: die Freiheit!
Kein Fremder soll mir jemals sagen dürfen,
wann ich an des Rheines Ufer treten darf.
Wofür es sich heute noch lohnt zu leben,
dafür lohnt es sich morgen auch zu sterben!
Mehr als der Lachende spürt der Weinende:
Ja ich lebe! Kein Krieger lebt ohne Feind.
Alles hat Sinn, wenn und auch weil es geschieht.
Die Freude liebt den Kummer, fürchtet euch nicht.
Aber, Männer, die feigen Waffen meidet,
meidet den Hinterhalt, meidet Gift und Brand.
Ehrlichen Kampf geschworen! Mann gegen Mann,
wie es der freie Mut diktiert. Der Freiheit
widersachen die Zuschauer ohne Zahl,
also die Neider. Kämpft im ehrlichen Streit!
Zukünftige werden vom morgigen Auszug
berichten, doch wird nie jemand es wagen,
Feigheit und schändliche Mittel erwähnen.
(ältere Edda - Havamel-37:)
So predige ich euch, wie es gewiesen
sein wird: "Von seinen Waffen weiche Niemand
einen Schritt im freien Feld; denn niemand weiß
deswegs, wie bald er seines Speeres bedarf."
Und so greifen allen nach Ihren Bechern.


Vers 3.5

Zu klein, unbedeutend ist jeder Vorteil,
der dir ein schönes Leben versprechen will.
Sehr groß, übermächtig jene Verlockung,
in tausend Jahren würde ein einziger,
der hier an dieser Stelle an den Rhein tritt,
deiner Hoffnung, deines Namens gedenken.
Diese Aussicht frohlockt die grausamste Qual.
Volker sucht Hagen abseits: "Freund, auf ein Wort,
weißt du den Namen für die Notwendigkeit
des Werdens, Bestehens oder Vergehens?
Unabwendbar formiert sich das Geschehen.
Weiß, dass ich bereits ein Veege bin, wie du!
Der Dummheit Strafe: Obwohl ich dagegen,
akzeptiere ich die Entscheidung dafür.
Wie kurz ist man auf der Erde? Ungreifbar.
Von wenigen Jahren des Lebens sollen
die kraftvollsten irgendwo in der Fremde
mit Schlägereien vertan sein? Zuhause
wachsen die Kinder heran, wie erfüllend,
dass sie einfach sind, in ihrer Nähe.
Doch diese selige Zeit, das Vatersein,
verbringen wir ohne ein Kinderlachen
auf Feldzug, Eroberung und im Rückzug.
Zurückgekommen - wenn wir zurückkommen -
sind unsre Kinder groß und lachen nicht mehr,
nicht mehr unschuldig, müssen schließlich zum Trost
nach den Enkeln greifen als alte Männer
um nachholen zu wollen, was uns verwehrt."
Nimmt Hagen Volker am Arm wie einen Freund,
ihn zum Gräberfeld zu führen, ein großer
Menhir waltet über einen alten Thing.


Vers 3.6

Brüder treffen dort Vertraute andächtig,
im Hintergrund dringt das Lärmen des Festes.
"Über dem höchsten Gott waltet das Schicksal.
Sein Fließen wird bewacht durch der Nornen Spiel.
Frage Sie nicht nach des Geschickes Moment!
Das Urteil führt die Hand zum Schwert. Und hat doch
selbst die Werdensollende nicht ihre Kraft,
Heil und Ende urteilen zu hören. Die Wahl bleibt frei,
in eines Riesen Schatten sich zu legen?
Vasall im sichren Amt? Oder sich quälen!
Stets in Entscheidungen kiesen und weihen.
Soldaten aber werden immer gebraucht,
ihr Schlachtruf kürt den Entscheider, dem Sinken
zuarbeiten. Nur Tote sind frei von Furcht.
Der Rückmarsch dann braucht den klügeren Führer,
als der Vormarsch ihn braucht, - des unbeachtet,
im Floß der Wunden, das "Bald" den Mutigen.
Unseren schützenden Wall zu verlassen.
Gegen Feuerwogen, flammende Pfahle.
Du Sonne bist die ewig strenge Zeugin.
Nicht lange leben die Träumer. Nur wenig
sind des Lebens kraftvolle Jahre, zähren
aus Gelebtem davor. Gleiches wird matter,
doch Änderung greift auf das Verlassene.
Die Zeit wäre Feind mir, wenn ich mit meinem
Älterwerden das Ende fürchten wollte.
Die Zeit ist mir mein dröhnender Begleiter.
Zwar manches gelingt, aber vieles geht schief -
Traurig aber, es nicht versucht zu haben.
Wir sind schon nicht mehr unerfahren genug."
Spricht also Volker: "Kämpfer hört! Frei ist nur,
der die Kraft hat, mit dem Handeln zu warten.
Wer wird später unsere toten Leiber
auf ein gescheitetes Brandwerk hinlegen?"


Vers 3.7

Als dann Bier und Met zu fließen beginnen,
lodert Erinnerung an alte Schlachten,
große Worte fliegen wild durcheinander:
"Denkt an die Panik der Legionäre !
Wie die schwer bewaffneten Söldner kreischten
vor den einrückenden Dschungelbefreiern,
vor den siegenden Schwachen, die noch vorher
als Untermenschen gedemütigt wurden.
Sah der General den Gegner als Barbar
als ein Gewürm - so wie sich mancher betrog -
ächzte der Kampf zum bestialischen Schlachten
und musste ein jeder daran verfaulen.
Aber die Truppe braucht Moral und Anstand
und Ritterlichkeit! Endet zwar jeder Krieg
mit dem Tod des Geschlagenen, so muss doch
der Gewinner weiterleben und darf nicht
verwahrlost in seinen Albträumen sterben.
Die Achtung deines Feindes ist nicht Schwäche,
die Achtung ist Stärke und gibt dir die Kraft:
zwingende Tugend bevor der Kampf beginnt. "

"Selbst eine Untat, die erzwungen, braucht den,
der eitel und stolz sich keinem unterwirft."
"Doch wer sich keinem Sieger beugen möchte,
der muss dem Schicksal um so mehr gehorchen."
"Ein Knecht braucht sich um Vorbestimmung wenig
scheren, denn er erfüllt die Pflicht des Herren.
Jede Tat braucht einen Täter, der ihr verfällt."
"Der Ritter der Kraft hat, braucht keine Freunde,
besser das Beschlossene selbst erfüllen,
als schlafend zu erwarten. Bis gerichtet,
wird das Eisen noch durch unsere Hand geführt."


Vers 3.8

Hüten sich die Kämpfer vor allem Lauen,
meiden das Etwas und fliehen das Halbe.
Das Kalte muss eisig, das Warme heiß sein.
Ein wenig ist unbrauchbar wie ziemlich viel.
Nur Alles oder Nichts kann die Entscheidung,
kann eine Klarheit sein, dies sei dir Lehre.
In Ausschließlichkeiten liegt gleichsam Freiheit.
Doch der ums Kleine, Halbe sich bekümmert,
bleibt stets ein kleiner Mann, und jenseits schwindet,
was er braucht und was er tut in das Umsonst.
Denn unaufhörlich richten uns die Winde
und trennen die flüchtige Spreu vom Weizen.
Wer gehört mit zur Truppe? Wer wird gebraucht?
Kämpfer, Lanzenknechte, Schmiede und Köche!
Warum aber soll ein Kaplan mit ziehen?
Den Rhein verlassen, die Sitte erhalten?
In der satten Gesellschaft ist immer gleich
die Erwartung an Moral und an Ordnung.
Wenn die Moral von der Gesellschaft hochsteckt,
braucht sich keiner so mühen im kleinlichen
Familienzwang, nicht an hohen Schulen.
Im Kriegszug aber verliert sich der Anstand,
der Prediger hält sich dann von Schande frei.
Können Kaplane nicht andere für sich
kämpfen lassen - Stellvertreter im Morden -
der Goldbesitzer liefert Waffen und Recht,
verspricht gute Almosen, wie es alle
mit feiger Macht in gleicher Weise üben.
Den Grund ersonnen spricht also der Kaplan:
Ein Staat vergibt Erziehung, Ordnung, Strafe,
und will noch nichts weiter, als sein Eigentum
mit jeglicher Gewalt richten und sichern.
So wiederholt sich jede Wiederholung.
Wie sollen Nachgeborene erdenken,
mit welchem Schrei das Burgunderreich versinkt,
wenn es nicht ein Gelehrter niederschriebe.
In unsrer deutschen Sprache muss man's reimen!
So sinnt er auf eine List und Möglichkeit,
den Tross der Eides Treuen zu verlassen,
heim zu kehren, ohne das Schimpf auf ihn fällt.
Ein Zerwürfnis mit Hagen käme ihm recht.


Vers 3.9

Die Männer liegen beim Bechern und Singen.
Wenige bleiben nüchtern. So spricht Volker:
"Es suche sich keiner selbst seinen Meister!
Höhere Vernunft bestimme den Lehrer!
Was uns prägt, wird durch Kindheit aufgezwungen,
wir nehmen es willig auf, ohne Fragen.
Berechnet man den Rest, der einem noch bleibt
an Jahren, an Jahrzehnten, lohnt es nicht mehr,
dauerhaftes zu vollbringen, anbetracht
der Zeiten des Beendens und Vergessens.
Der Plan zum großen Marsch verschwindet winzig
in seiner Ausdehnung gegen die Strecken,
die Millionen vor mir bereits hinter sich
brachten. Lange schon vergessen und verweht.
Dieses Schicksal wird mein Hienieden teilen.
Verabschiedung vom kurzen Abschnitt Leben."

"Wer wäre heute größer als die Helden
Aus alten Tagen? Auch sie hatten Schwächen!
Immer nur tödliche Schläge verteilen,
kann keiner, etliche treffen die Schilde.
Werden sie am Ende Gunther oder Hagen
gefangen nehmen, müssen sie doch verzichten
auf den Selbstmord, bei dem noch im Krepieren
der kollektive Wunsch ihre Bande hält.
Schwerter werden ihnen die Schmach beenden.
Es gibt nur zwei Arten zu sterben: den Mord
oder den Freitod! Im Zweikampf bleibt es Mord.
Auch im siechen Sterbebett bleibt es Freitod,
wenn das kranke Herz sich den Moment auswählt.
Im Feld will ich sterben, durch feindlichen Stahl,
der mir Herz und Lunge langsam zerschneidet.
Mord meines Todfeindes im ehrlichen Kampf!"


Vers 3.10

Viel Met war getrunken, schwer sind die Zungen:
"Ich bin es zufrieden, wie ich jetzt lebe."
"Reichte das?" werden Zukünftige fragen.
"Was sonst? Was soll dein Leben? Die Aufgabe!"
"Kennst du sie, deine Pflicht? Ganz egal welche."
"Du brauchst die Aufgabe! Sie macht dich wichtig.
Seht, dort kommt von Tronje, ein Mann ohne Angst.
Er wird später schuldig gesprochen werden.
Von uns, die wir hier stehen, wird einzig sein
Name überdauern, doch mit üblem Schlamm
werden sie diesen großen Mann bewerfen."
"Heil Hagen, ich hoffe, du bist der letzte,
den je ein Stahl zerteilt, sonst steht es bald schlimm
um unseren Mut zum Weitermarschieren."


Vers 3.11

Überall endlich liegen Schlafende und
Betrunkene herum: der Aufbruch morgen
wird nicht das Lachen des Abends behalten.
Um das letzte Feuer auf einem Vorhof
scharren sich Kriegsveteranen, die wissen
miteinander bereits um solche Feste,
und was sie dann bringen, denen die weinen.
Wie muss es die Geliebte erdrücken, wenn
der Liebende sein Glück nur an sie heftet.
Was erduldet doch das Kind, wenn die Mutter
alle Zuneigungen und Zärtlichkeiten
nur auf dieses schüttet und stürzt. Sage es mir!
Welche Ketten hängen im Heranwachsen
am Sohn, auf den der Vater alle Hoffnung
und Erwartung lud. Stillt mir das Klagewort!

Es ist lange Zeit schwer den eigenen Sohn,
der einmal Kind war, als Mann zu erkennen,
dazu wenn er in den Tod zieht, viel zu jung.
Verlieren wir unsre Kinder an den Krieg
oder an ein überflüssiges Leben?
Würden diese Jungs statt dessen irgendwo
die Kraft vergeuden, ihren Weg nicht finden?
Besser geben wir sie hin, wenn sie Helden.
Wie schnell wird ein Unschuldiger zum Objekt
der Rache hinterlistiger Spielerei.
Dann töten sie ihn und wollen hingestreckt
seinen Leib, Herz und Kopf zu teilen in zwei
gierige Hälften, zu opfern dem Götzen"

"Sollten wir wohl dem Hunnen eine Dirne
ins warme Bett legen, von uns gut geschult?
Statt dessen mahnen wir uns ritterlicher
Tugenden, zu feige nach besserer List."


zum Anfang 4. Kapitel nächstes Kapitel


Vers 4.1

Im roten Schimmer liegt das Land, die Wiesen
still verhangen; jede Ahnung versteckend.
Fanfaren ordnen die noch müden Reihen.
Weiter geht alles, doch wo wäre ein Ziel?
Gunther erwartet beritten vor der Burg,
mit den Führern den Aufmarsch überblickend.
Ist ihnen gleich, die Lust auf Angst, das Kribbeln,
sich in einen Abgrund fallen zu lassen.

Die Wehmut kommt spätestens dann, wenn der Geist
einsieht, wie beschränkt der kleine Mensch sich gibt.
Nie ist von dieser Wehmut zu befreien.
Klagen im Herbst oder Springen im Frühling?
Schlimmer prägt sie die Jahre des Ergrauens.
Einst griff man einzigartig nach den Sternen
und klammerte sich an sein kurzes Leben.
Fürchtet alsbald aber die Unendlichkeit,
bedrängt sie erbarmungslos, die Manneskraft.
Fällt Weite auf die Winzigkeit des Grüblers,
der sich bemüht, begreifend nach hinten blickt.

Spricht also Hagen zu gesinnten Rittern:
"Der Kampf macht keinen Sinn gegen die Hunnen.
Aber auch das Verweigern macht keinen Sinn.
Etzel schürt den Streit und Gunther will ihn auch.
So ist die Vernichtung nicht abzuwenden.
Bei Richtern siedelt sich willig Bosheit an.
Soll der Kaplan unsere Stammesglieder
aussegnen, eh die verzehrenden Hitze
des Krementierholzes unsere Leiber
zur Asche machte? Werde ich ihm diese
Möglichkeit verbieten wissen - muss es sein!
Das Los des Menschen - unerbittlich bleibt es.
Der im Schlaf sich wälzende Rhein fließt und fließt,
unsre Schätze in das Weltmeer zu gießen.

Und an Gunther wendet sich Hagen also:
"Noch ist Begeisterung in deiner Truppe,
nutzen sie, bevor Erlahmung sich breit macht
und wieder alltäglich werden die kleinen Probleme."


Vers 4.2

Postiert sich der König vor die Standarten.
Marschbereite Kämpfer strecken die Arme.
Wendet sich Gunther an seine Heeresmacht:
"Burgunder, Freunde, der Hunnendiktator
ist allen bekannt für seine Hinterlist
und ist eine Bedrohung für unser Land.
Darum müssen wir die Freiheit mit dem Schwert
ins Land tragen. Über Etzel zu richten.
Straffen wir uns, Kameraden! Der Sommer
wird kommen und keinen Augenblick warten."

So setzen sich die Truppen in Bewegung.
Ritter rufen durcheinander: "Wir ziehen.
Hört die Posaune dröhnt herab von oben."
"Kameraden, es ist an uns, wir werden
reiten und metzeln bis die Kingen rot sind."
"Ihr habt einen Lehnseid geschworen; und selbst
ohne euer gegebenes Wort wüsste
ein jeder doch genau, dass Blut nur durch Blut
gesühnt werden kann!" "So soll es uns gelten!"
"Ach Kamerad, ein Frontschwein hat zu kämpfen,
nicht zu denken!" "Schweige und lass uns ziehen!"
"Dies scharfe Schwert wird schon nach der ersten Schlacht
zerbrochen vor mir im Sand liegen bleiben;
woher nehme ich ein zweites, ein drittes,
ehe wir im Lager Etzels ankommen?
"Nur vorwärts, es gibt kein zurück! Aussöhnen
dürfen sich feindliche Krieger nur, wenn sie
tödlich verwundet, blutend einander
in den Armen sich halten zum Ende hin!"


Vers 4.3

Letzter Gruß vom Zinnendach des Frauenturms
Ute nimmt das Wort ihrer Frauen an sich:
"Für welche Hehre lohnt es sich zu schreiten,
sein Blut zu geben, das Blut eigener Söhne?
Welch ein Geschlecht fertigt das Recht dem Schlächter?
Noch gibt es keinen unter dieser Sonne,
der vermag zu glauben, gleich wes Verstandes,
was Besseres, so er weiß, zu erkennen,
Böses unterscheiden, urteilen, richten.
Kein Reich, kein Oberhaupt, wird jemals leben,
das auch seines Lebens würdig sich erweist.
Was vor dem Ziel, das Alte abzulösen,
höchst rühmlich jedem schien, gilt auch dem Nächsten.
Ich muss unsere Männer mit den Wüsten,
den Hunnen auf dieselbe Treppe stellen?
Der Mensch bleibt Ungeheuer wenn es nötig,
vertreibt, mordet und frisst er seinen Nachbarn.
Die Zähmung, der Menschheit größter Stolz, ist nur
ein dünner Goldlack, schmeichelnde Eitelkeit.
Doch unter des Glanzes spröder Schicht wallet
geknebelte Brutalität, die ausbricht,
sobald der Glanz zahmer Doktrin erblindet.
Flehen um Gnade? Massengräber schaufeln,
in der Grube stehen die Leiberzähler.
Seht die Ausziehenden, sie wissen es schon,
marschieren in den blutigen Drachenschlund;
Sehnsucht ihrer kindlichen Abenteuer.
Selbst wenn sich jetzt noch jemand stemmen möchte,
wäre die Weigerung das lauteste Ja.
Ein Zurück gibt es für unsere Krieger
jetzt nicht und nimmer und auch nicht nach der Schlacht.
Wir müssen sie ziehen und sterben lassen,
damit der Weltenlauf seinen Fortgang nimmt."





06.08.2004